Santrax Geschichte

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Santrax Geschichte
Geschichte
Serie: -
Unterseiten
Errata: -
Mitwirkende
Autoren: Rafael Goriwoda
Illustrationen: -
Aventurische Informationen
Aventurisches Datum: ?
Ort: Santrax
Verfügbarkeit
Erscheinungsdatum: Mai 2002
Erschienen bei: Thorwal Standard 16
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“... und du willst dir wirklich das Geheul eines alten Mannes anhören? Weißt du, ich werde wegen dieser Sache manchmal etwas melancholisch – und dabei bin ich – bei Swafnir – alles andere als ein Skalde. Es ist aber auch eine götterverfluchte Geschichte .... du willst sie also wirklich hören? Also dann – aber ich habe dich gewarnt ...:

Alles begann damals, vor einem Jahr, als auf dem Hjalding beschlossen wurde, daß wir Thorwaler einen Staat bilden sollen. Ich hatte damals dafür gestimmt, weil es meine Meinung war, daß das der richtige Weg für uns ist. Bei vielen meiner Nachbarn im hohen Norden war die entgegengesetze Meinung verbreitet, aber ich hätte nie gedacht, daß das ein Problem ist. Schließlich sind wir Hjaldinger ... wir haben vielleicht nicht immer die gleiche Meinung, aber wir halten zusammen.

Jedenfalls machte ich mich nach dem Hjalding auf den Weg nach Santrax. Da unsere Otta “Güldentod” zerstört worden war, war ich alleine gekommen und reiste nun mit einem anderen Schiff nach Olport. Dort wollte ich über Nacht bleiben und dann die letzten 50 Meilen an den Kreideklippen entlang zu Fuß zurücklegen. Doch dazu sollte es nicht kommen, denn kaum war ich in Olport angekommen und überlegte, wo ich die Nacht verbringen sollte, da wurde ich auch schon von Argrid Inleifson angesprochen. Ein junger, wackrer Streiter aus Santrax. Er erzählte mir, er sei gerade rein zufällig in Olport, um sich nach einer Waffe umzusehen. Er habe außerdem ein paar Freunde hier und ich solle mich doch zu ihnen gesellen. Da ich ohnehin unschlüssig war, wohin ich mich wenden sollte, ging ich mit Argrid mit. Außerdem war er mir recht sympathisch und ein guter Freund meines Sohnes Beorn. Also folgte ich ihm zu seinen Freunden und fand dort eine gesellige Runde vor. Meine Stimmung erreichte bald einen Höhepunkt, als Argrid eine Flasche “Toten Gjalsker” zückte und herumreichte. Weißt du, es geht wirklich nichts über einen guten Tropfen “Toten Gjalsker”. Ingalf Jurgason ist wirklich ein Meister, wenn es darum geht guten Schnaps zu machen – leider immer in viel zu geringen Mengen, so daß nur wir Santraxer in den Genuß kommen. Da kann mir jedes Feuer gestohlen bleiben, wenn ich ein wenig “Gjalsker” trinken kann. Aber das liegt vielleicht auch nur daran, daß es halt unser Santraxer Schnaps ist. Eine Art zweite Muttermilch ...

Na ja, aber ich schweife ab: Jedenfalls hatte ich kaum den zweiten Thin gelehrt, da wurde es mir schwarz vor Augen und ich verlor das Bewußtsein.

Als ich wieder zu mir kam, befand ich mich auf einem Wagen, wie ich unschwer an den gleichmäßigen Bewegungen des hölzernen Untergrunds, auf dem ich lag, erkennen konnte. Gelegentlich stieß ich mir den Kopf, da der Weg, den wir befuhren, äußerst uneben war, wenn es überhaupt ein richtiger Weg war. Der Wagen war mit einer Plane abgedeckt, und ich, ich lag gefesselt und geknebelt neben zwei hölzernen Kisten. Nach einigen Stunden Fahrt hielt der Wagen und ich hörte Stimmen, dann wurde die Plane weggezogen und ich blickte in das breit grinsende Gesicht Argrids. Neben ihm stand Faenwulf Hjalskeson, ein weiter Jüngling – er war gut 22 Sommer alt, also aus meiner Sicht, der ich schon beinahe 60 Jahresläufe zähle, ein Jüngling. “Er ist aufgewacht. Soll ich ihn wieder zum Schlafen bringen?” fragte Faenwulf seinen Begleiter mit einem widerlichen Unterton in der Stimme. “Nein, laß ruhig, er hat geschlummert wie ein Kleinkind nach dem bißchen Gjalsker .... bei Swafnir, das hat er! Er soll die weitere Reise ruhig genießen” Mit diesen Worten legten sie wieder die Plane über den Wagen und kurz darauf setzte sich dieser wieder in Bewegung. Ich hatte mich bemüht den beiden Rotzlöffeln meine Verwirrung nicht zu zeigen, doch nun da ihre Blicke nicht mehr auf mich gerichtet waren, begangen meine Gedanken zu rasen. Was war nur passiert? Da mußte Gift in dem “Toten Gjalsker” gewesen sein. Wäre ich nicht geknebelt gewesen, so hätte ich ausgespuckt, aus Verachtung für diese Methoden, die denen der horasischen Walschlächter gleichen ... Aber wieso sollten sie mich betäuben und dann entführen wollen? Was war ihr Plan? Waren sie zum Feind übergelaufen und versuchten nun irgendwie die Macht in Santrax an sich zu bringen? Aber war Santrax nicht viel zu klein, um eine Rolle in der Intrigenspinnerei des canterischen Abschaums zu spielen? Vielleicht war es auch nur Machtgier, die sie antrieb. Und doch, selbst wenn mir was passieren sollte, wäre immer noch Beorn da. Er würde mir sicher als Hetmann nachfolgen. Er war äußerst beliebt im Dorf, wegen seiner freundlichen Art und der Geschichten, die er über seine langen Wanderjahre erzählen kann. Er war meinem Vorbild nachgefolgt und bereits im Alter von 16 Jahren auf Wanderschaft gegangen. Vieles erlebte er in den folgenden Jahren, und so war er schließlich mit 40 Jahren als tapferer Kämpe nach Santrax zurückgekehrt. Von da an war insbesondere die Jugend seinem Bann verfallen, denn er hatte sich das jugendliche bewahrt und wußte vieles zu erzählen. Er würde mir bestimmt eines Tages als Hetmann nachfolgen.

Was also hatten Argrid und Faenwulf vor?

Die nächsten Tage über änderte sich meine Lage nicht und ich erfuhr auch nichts neues, da man sich weigerte, mit mir mehr Worte als eben nötig zu wechseln und dies auch nur dann, wenn man mir etwas Brot und Wasser gab. Doch aus den Gesprächsfetzen, die ich mitbekam, konnte ich schlußfolgern, daß wir auf dem Weg nach Osten waren, ins Gebirge und Richtung Orkland. Was mich äußerst irritierte und außerdem in Wut versetzte - ich war nahe dran zu versuchen meine Fesseln einfach zu zerreißen - war die Tatsache, daß sie mich aufs schlimmste beschimpften. Dabei war das Wort Verräter noch die freundlichste Umschreibung, “Amöbenlecker”, “Dämonenbock” und ähnliches waren da schon eine Prise unverschämter. Worauf wollten diese Spinner hinaus?

Früher, in meinen jungen Tagen, hätte ich mich irgendwie zu befreien gewußt, doch wenn man so viele Winter gesehen hat wie ich, muß man sich eingestehen, daß man einfach nicht mehr wendig und agil genug ist, um vor zwei jungen Verfolgern zu fliehen. Also wartete ich ab und fragte mich, was wohl passieren würde. Immerhin hatten sie scheinbar nicht vor, mich umzubringen, denn das hätten sie schon in Olport tun können.

Nach gut einer Woche befanden wir uns mitten im Thasch-Gebirge und waren an anscheinend an unserem Ziel angelangt. Zumindest wurde ich in eine Höhle verfrachtet und dort von den beiden bewacht. Dadurch konnte ich wenigstens ihre Gespräche besser belauschen als auf dem fahrenden Wagen. Sie schienen auf jemanden zu warten, auf ihren Auftraggeber, doch nie hätte ich erraten, um wen es sich dabei handelte .... Nie hätte ich das für möglich gehalten, was mir nach weiteren zwei Tagen der Gefangenschaft widerfuhr.

Während Faenwulf gerade jagen war, und Argrid halb eingeschlummert am Höhleneingang wachte, betrat ein Fremder die Höhle. Er weckte Argrid auf, begrüßte ihn freundschaftlich und kam dann auf mich zu. Die Kapuze des langen Umhanges, den er trug, verdeckte zunächst sein Gesicht, doch als er sie zurückschlug blieb mir fast das Herz in der Brust stehen.

Da stand Beorn, mein eigener Sohn und blickte mich mit einer Mischung aus Haß und Mitleid an. Er muß wohl den erstaunten Ausdruck in meinem Gesicht richtig gedeutet haben, denn ein Grinsen legte sich auf sein Gesicht. “Da staunst du, was Vater?” Er spuckte das Wort Vater aus, als hätte er Dreck oder Unrat in seinem Mund. Ich war zu entsetzt, um ihn antworten zu können, also fuhr er nach einer kurzen Pause fort. “Da hat es dir wohl die Sprache verschlagen.... Ich habe ja gehört, daß das auf dem Hjalding ganz anders gewesen sein soll .... Da warst du ja sehr redselig ...Hab ich gehört ....” Mühsam brachte ich eine Erwiderung heraus: “ Bei Swafnir , Beorn, was soll das?” - “Das habe ich mich auch gefragt, als ich hörte, was du auf dem Hjalding getan hast!” - “Was meinst du?” Mein eigener Sohn gab mir Rätsel auf, wie konnte er mich nur hierhin verschleppen lassen, und vor allem, aus welchem Grund? “Die Staatsgründung!” Es war mehr ein Knurren, denn ein Wort, das Beorn von sich gab. “Was ist damit?” Ich verstand immer noch nicht, worauf er hinaus wollte.

“Du hast für sie gestimmt ....” Ich setzte gerade zu einer Erwiderung an, da sprach Beorn auch schon weiter “...für diesen swafnirverdammten Plan, der uns alle zu Knechten macht. Ganz wie die canterischen Walmörder ... da können wir uns ihnen doch gleich unterwerfen, aber das ist doch vermutlich dein Ziel, oder? Ich weiß doch, wie sehr du von ihnen begeistert warst, damals, in deiner Jugend ....” Das war eine haltlose Unterstellung; es stimmte zwar, daß ich – in jungen Jahren – unter anderem im Lieblichen Feld gewesen war. Aber dies auch nur, weil ich eben viel gereist war. Doch so langsam wurde mir klar, worauf Beorn hinaus wollte. Vermutlich hatte irgendeiner seiner Freunde, der früher vom Hjalding abgereist war – aus Protest gegen die dortigen Entscheidungen – ihm davon berichtet. Er hatte sicherlich die falschen Freunde, mein Sohn .... doch das war mehr, als ich mir je vorgestellt hätte. Mehr als ich für möglich gehalten hätte ... unter Hjaldingern. Eine andere Meinung kann jeder vertreten, aber das, was Beorn und seine Komplizen hier taten, war einfach zu viel .....

Doch was wollte mein Sohn eigentlich erreichen? Wieso brachte er mich nicht um? Das sollte ich einige Tage später erfahren, als ein Ork – ja, ein echter Schwarzpelz - plötzlich auftauchte. Das ist zwar im Thasch nicht wirklich ungewöhnlich, aber daß er sich mit Beorn angeregt unterhielt, war schon wesentlich beängstigender. Als er nach gut einer halben Stunde wieder ging, erklärte Beorn seinen beiden Gefährten, die offensichtlich ebensowenig wie ich des Orkischen mächtig waren, was er mit dem Ork besprochen hatte.

“Das eben war mein Freund Rharbrazz, er kommt von dem großen Schamanen Brharzzar und soll mir ausrichten, daß unser Handel perfekt ist. In einem Mond wird Brharzzar hier mit seinen Wachen auftauchen und meinen nichtsnutzigen Vater abholen. Nur der Schwarzpelz und seine Götzen wissen, was er mit ihm vorhat... Scheinbar haben die beiden noch das eine oder andere Orklandhuhn miteinander zu rupfen ... Na ja, jedenfalls ist das viel besser, als ihn einfach so zu töten, findet ihr nicht auch? So wird auch seine Seele in den Niederhöllen schmoren für seinen Verrat .....” Ich konnte mich zwar beherrschen und den Schein aufrecht erhalten, ich würde schlafen, doch in meinem Kopf begann sich alles zu drehen. Was, bei Swafnir, ging hier vor sich? Ich fühlte mich, als wäre ich in der Erzählung eines schlechten Skalden gefangen. Bisher hatte ich gedacht, Beorn hätte den Verstand verloren, doch jetzt wurde mir klar, dass es viel mehr war als das: Er war schlicht und ergreifend .... BÖSE. So lächerlich sich dieses Wort anhören mag, so gut spiegelt es das wieder, was aus meinem Sohn geworden war. Die vielen Abenteuerreisen hatten aus ihm nicht einen gefestigten Streiter gemacht, nein, sie hatten ihn seine Herkunft vergessen lassen, und er war geworden wie unsere Feinde. Er stellte sich seinen Kontrahenten nicht wie ein Krieger, nein, er verfiel auf Intrigen und machte gar gemeinsame Sache mit Schwarzpelzen. Und alles nur, um mich aus dem Weg zu schaffen .... Ich konnte es nicht fassen. Und doch war ich machtlos. Wäre ich jünger gewesen, ich hätte mich irgendwie befreit und hätte es mit Beorn aufgenommen, doch der Zahn der Zeit nagte an mir und ich war einfach nicht in der Lage die drei zu überwältigen .....

Aber ich konnte auch nicht warten, bis Brharzzar hier ankam. Denn - und in diesem Punkt hatte Beorn Recht – dieser hatte in der Tat noch eine Rechnung mit mir offen. Vor vielen Sommern waren wir einmal unter ungünstigen Bedingungen zusammengetroffen – im Orkland. Und ich hatte weniger aus Absicht, denn aus dem Versuch heraus aus der Gefangenschaft des Schamanen zu fliehen, einen Plan desselben vereitelt. Brharzzar hatte mir damals Rache geschworen. Er würde nicht eher von Dere gehen, bis er sich an mir gerächt hatte. Und nun schien er dieses Versprechen wahr machen zu wollen. Ich wunderte mich, wieso er immer noch lebte, er mußte eigentlich schon längst tot sein, schließlich leben die meisten Schwarzpelze wesentlich kürzer als wir Menschen ..... Doch was änderte das schon? Er lebte und er würde mich nun doch bekommen ....

Beorn verließ die Höhle bald darauf in Richtung Santrax. Was dort passierte, kann ich zwar nicht aus erster Hand wiedergeben, doch trotzdem werde ich es jetzt so gut wie möglich berichten: Also, Beorn reiste also nach Santrax und erzählte dort, ich sei gestorben. Dies wurde von weiteren seiner Kumpanen bestätigt, außerdem konnte er einige meiner Kleidungsstücke – mit Blut befleckt – vorzeigen. Er berichtete, er habe sich auf die Suche nach mir gemacht, da ich so lange auf mich hatte warten lassen, und schließlich in Olport erfahren, daß ich längst abgereist war. Daraufhin habe er nachgeforscht und schließlich vom Überfall einer Gruppe Friedloser erfahren.... und so weiter und so fort. Ich hätte meinem Sohn nie derartig viel Talent im Erfinden von Lügenmärchen zugetraut. Jedenfalls war das alles überzeugend genug, daß man einen Swafnirgeweihten holen ließ und dieser eine Feier für meine Seele abhielt. Dann erklärte sich Beorn bereit, die Bürde zu übernehmen und mir als Hetmann nachzufolgen. Insbesondere mit den Stimmen der jüngeren Dorfbewohner wurde er auch gewählt. Damit wäre sein Plan eigentlich aufgegangen, doch zum Glück gab es noch Binya und ihre Tochter Emer.

Binya war vor langen Jahren meine Geliebte gewesen. Sie ist eine faszinierende Frau - immer von einer Spur Geheimnis umgeben. Sie lebt außerhalb des Dorfes, unsere Kräuterfrau, die sich auf heilkräftige Gewächse und anderes versteht und diese auf alle möglichen Arten zu verarbeiten weiß. Travia und Ifirn wissen, woher sie ihr Wissen nimmt. Und Emer, nun ja, sie gerät ganz nach ihrer Mutter. Inzwischen ist sie 23 Jahre alt, die letzten Jahre war sie allerdings auf Reisen, wie es sich für die Jugend gehört. Na ja, jedenfalls gleicht sie ihrer Mutter wie ein Ei dem anderen: rote Haare, grüne Augen, ein aufbrausendes Temperament und ein unvergleichlicher Charme.... ganz wie Binya, die meine große Liebe gewesen war – sich aber geweigert hatte, die Frau an meiner Seite zu werden. So kam ich dann zu Beorns Mutter, aber das hat nicht wirklich etwas mit der Geschichte zu tun. Jedenfalls kann man sagen, daß ich nun tot oder etwas schlimmeres wäre, wären Binya, Emer und Leomer, Emers Liebhaber - ein Jäger, ehemaliger Sklave und dabei ein recht verschlossener Geselle, den sie auf ihren Reisen aufgegabelt hat - nicht gewesen.

Binya wollte Beorn seine Geschichte nicht glauben. Ich weiß nicht ganz wieso, aber sie hatte schon immer einen recht guten Riecher. Auf alle Fälle ließ sie Leomer und Emer Nachforschungen anstellen, während sie selbst sich mit Beorn unterhalten wollte.

Ich weiß nicht, wie diese Unterhaltung verlief, doch es wird erzählt, daß Beorn Binyas Hütte erzürnt verlassen haben soll und von diesem Tag immer einige seiner Spießgesellen sie mehr oder minder unauffällig bewachten.

Emer und Leomer fanden in der Zwischenzeit in Olport die Wahrheit über mein Verschwinden heraus, und es gelang ihnen tatsächlich die Höhle ausfindig zu machen und Faenwulf und Argrid, die mich noch immer bewachten, zu überwältigen.

Mit den beiden im Schlepptau machten wir uns so schnell wie möglich auf den Weg nach Santrax, mit dem unguten Gefühl, daß Binya in Gefahr war. Und das war sie tatsächlich! Beorn hatte zur Versammlung aller im Hauptlanghaus gerufen und bezichtigte Binya der finstersten Untaten: Sie sei ein Hexe, habe ihn zu verzaubern versucht, das Vieh und die Felder des Dorfes verflucht - der strenge Winter kam ihm da gerade zupaß, soviel Vieh ist uns schon lange nicht mehr eingegangen - und so weiter und so fort. Eigentlich lächerlich, doch es gelang Beorn mit Hilfe seiner Kumpane, die Dörfler davon zu überzeugen, daß Binya ihnen Übles wolle. Wir kamen also gerade rechtzeitig, um zu verhindern, daß Schlimmes passiert.

Natürlich guckte Beorn ganz schön dumm aus der Wäsche, als ich den Raum betrat, und auch in den Gesichtern der Übrigen zeichnete sich völlige Verwirrung ab. Doch nach einer kurzen Phase der Stille – wir musterten uns eingehend – ergriff er die Initiative, zog seine Skraja und griff mich an.

Aber ich hatte schon mit so etwas gerechnet und war kampfbereit. In kurzer Zeit verwandelte sich das Langhaus in eine Walstatt. In der Mitte kämpften Beorn und ich, während um uns herum die gut 20 Anhänger Beorns mit denen stritten, die sich spontan auf meine Seite schlugen, als ihnen klar wurde, daß Beorn ihnen einen Haufen Lügengeschichten aufgetischt hatte, als er von meinem vermeintlichen Tod berichtet hatte. Beorn und seine Anhänger waren damit deutlich in der Unterzahl. Schnell waren seine Schergen in die Ecke gedrängt und streckten ihre Waffen. Als Beorn das sah, ergab auch er sich. Ich wollte ihn töten, doch als ich in sein Gesicht sah, kam es mir vor, als wäre es mein eigenes. Ich haßte und verabscheute ihn für das, was er getan hatte und doch ... und doch war er mein Sohn.

Ich beschloß, ihn am Leben zu lassen. Sein Urteil lautete Verbannung auf Lebenszeit und nicht anders sollte es Faenwulf, Argrid und zwei weiteren ergehen, die in Beorns Pläne eingeweiht waren. Friedlos sollten sie keine Heimat und keinen Trost am heimatlichen Feuer mehr kennen.

Die anderen aber sollten mit einem Wergeld davon kommen. doch wehe, wenn sie sich je wieder so dumm und blind einwickeln lassen sollten ...

Doch damit ist diese Geschichte noch nicht zu Ende:

Ich stand einsam auf den Kreideklippen und starrte auf das Meer, da kam Binya und trat hinter mich. Ich mußte mich erst gar nicht umdrehen, um zu wissen, daß sie es war. “Ich habe kein Kind mehr, Binya ...”, sagte ich. Sie legte ihre Hand auf meine Schulter und sagte leise und ruhig “Manchmal liegt in der Stunde unseres größten Verlustes der größte Gewinn verborgen.” Sie liebt solche kryptischen Phrasen, und wie immer gelang es ihr, mich damit zu verwirren. Mit einer leichten Handbewegung bedeutete sie mir, ihr zu folgen. Sie führte mich in ihre Hütte und ich fragte mich, was nun folgen würde. Die Hütte sah wie gewöhnlich aus, nur daß Emer da war und auf dem Lager ihrer Mutter lag. Emer schaute uns, die wir mit einem ernsten Gesichtsausdruck in die Hütte kamen, irritiert an. Binya ergriff das Wort: “ Weißt du noch, Valadur, damals kurz nach Svanjas Tod – möge sie bei Swafnir ruhen - du kamst zu mir und batest mich noch einmal, dich zu heiraten. Ich verweigerte dir diesen Wunsch, aber einen anderen gewährte ich dir.”

Es war überflüssig zu erwähnen, daß ich mich noch sehr gut an diese letzte Nacht mit Binya erinnerte .... Jetzt warf Binya einen vielsagenden Blick auf Emer: "Diese besagte Nacht ist jetzt gut 24 Jahre her - das heißt ..." Daß es mir nie aufgefallen war! Dabei war es doch so offensichtlich gewesen alles, alle hatten sich gewundert, wie es kam, daß Binya schwanger war, wo sie doch so wenig Kontakt mit den Dorfbewohnern hatte .....

Emer, meine Tochter, lebt jetzt dauerhaft bei uns in Santrax. Ich hoffe, daß sie es sein wird, die dereinst meine Nachfolge antreten wird. Bald – es kann sich nur noch um Monate handeln, ich muß mich nur noch darum kümmern, daß die alten Zustände wieder hergestellt werden. Beorn hat es in den wenigen Wochen geschafft, viele unsere Handelspartner zu verärgern und gleichzeitig unsere Kornvorräte drastisch zu verringern, in dem er sie an “befreundete” Ottas weiter reichte. Aber wenn es Santrax wieder gut geht, vielleicht auch erst, wenn wir wieder eine Otta haben, werde ich Santrax verlassen und Richtung Orkland ziehen. Denn seit jenen Tagen erscheint mir Brharzzar, der Orkschamane, oft hämisch grinsend in meinen Träumen.... Er hat meine Spur aufgenommen und er wird sich rächen, wenn ich ihm nicht zuvor komme. Eine Entscheidung muß gefällt werden, so oder so, da bin ich mir sicher ...

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